Spannende Berichte die nicht zum Hauptthema der Seite passen.

Der Autor ist an allen Informationen zur WMTS und an Kontakten zu Zeitzeugen interessiert.

Um mit dem Autor Kontakt aufzunehmen senden Sie eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .
Wir werden Ihre Anfrage weiterleiten

Ein erhaltener Bunker der Wetterau-Main-Tauber-Stellung in Aschaffenburg-Nilkheim - die neuen Erkenntnisse

Arbeitskreis Bunkerforschung zur Wetterau-Main-Tauber-Stellung:
Bernd Chodera, Martin Seltmann

 

Aufgrund der wertvollen und konstruktiven Kritik auf den oben genannten Artikel, wurden intensive Recherchen an Originaldokumenten im Bundesmilitärarchiv durchgeführt. Das Ergebnis zeigt, dass viele der in dem obigen Artikel gemachten Aussagen über die Planung und Erstellung der Stellung vor Aschaffenburg bzw. der Anlage Nr. 224 am Nilkheimer Bahnhof, offenbar so nicht den Tatsachen entsprechen.

Im Folgenden sollen deshalb ergänzend einige neue Erkenntnisse, die mit diesen Einrichtungen in Zusammenhang stehen, näher erläutert werden.

Zweckdienlicherweise sollen die Anlagen nun mit ihrer ursprünglichen Nomenklatur der Planungsphase im Jahr 1936 angesprochen werden. Die Anlagen im Mainbogen westlich Aschaffenburg Nr. 223,  224 und 225 wurden als A d, A h bzw. A i bezeichnet. Die laufende Nummerierung der errichteten Anlagen wurde erst nach Ausbauende eingeführt.

Im Gegensatz zu den Angaben, die in der Arbeit von Matthias Schneider in den 1990er Jahren gemacht wurden, bildeten in den Planungsjahren 1935/36 lediglich einige wenige Grundbautypen die Grundlage für die doch teilweise sehr abgewandelten Entwürfe, die sich noch heute in der Stellung finden. Diese Grundbautypen, die zunächst nur nach ihrer Funktion (z. B. MG-Schartenstand usw.) unterschieden wurden, trugen noch keine Regelbaunummern (z.B. MG-Schartenstand = Regelbau 1) sondern wurden bis Ende 1936 bestimmten Zeichnungsnummern zugeordnet. Diese Zeichnungsnummern wurden seinerzeit als Regelbaubezeichnung verwendet, gaben jedoch keinerlei Auskunft über Abwandlungen bzw. Besonderheiten bezüglich eines bestimmten Bauwerkes.

Eine Zeichnungsnummer ist als eine Art Kodierung anzusehen, mit der Bauwerkstyp, Art des Bauteils sowie das Jahr in dem der Entwurf seine Gültigkeit erlangte, definiert wurden. Somit ist beispielsweise ein MG- Schartenstand ohne Bereitschaftsraum und flankierende Anlage aus dem Jahr 1935 ein Bauwerk nach Zeichnungsnummer 105 B8.

Aufgrund der hohen Aktivitäten, sowohl beim Bau der Neckar-Enz-Stellung als auch der Wetterau-Main-Tauber-Stellung in den Jahren 1935/36, wurde auf Basis dieser Zeichnungsnummern eine fast unüberschaubare Vielzahl von Einzelentwürfen erstellt. Im Prinzip waren fast keine der Anlagen genau baugleich, wie man es dann bei späteren Bauprogrammen kennen lernen sollte.

Ab November 1936 wurden von den Festungspionieren Regelbaulisten erstellt, in die Entwürfe der vorherigen Jahre einflossen und die dann mit einer eigenen Zeichnungsnummer versehen wurden. Die Nummern erhielten nun u. a. das Kürzel B9. So wurde beispielsweise der MG-Schartenstand nach der Zeichnung 105 B8 weiter entwickelt und unter der Zeichnungsnummer 170 B9 als neuer Einheitsbau/Regelbau mit der Kurzbezeichnung B1-1 geführt.

Von diesem Zeitpunkt an verloren die Zeichnungsnummern an Bedeutung, da die Bauwerke durch die neu eingeführten Kurzbezeichnungen ausreichend beschrieben waren. Die ersten dieser neuen, tatsächlichen Regelbauten ähnelten zum Teil noch sehr den Entwürfen von 1935/ 36.

Einerseits wurden damit nun bestimmte bauliche Neuerungen und Anforderungen der Anlagen festgelegt, andererseits hoffte man nun, die aufwendigen Planungsphasen und die langen Bauzeiten der früheren Einzelentwürfe zu vereinfachen und zu verkürzen. Änderungen an diesen neuen Entwürfen gab es zwar nach wie vor, sie sollten aber eher die Ausnahme bleiben. Damit wurde ein wichtiger Schritt zum Ausbau der „neuen“ Weststellungen getan.

Bezogen auf die Planungen der Anlagen in der Stellung vor Aschaffenburg bedeutet dies, dass man zum Zeitpunkt des Entwurfes der Anlagen im August 1936 auf keine Grundbautypen von 1935 in Baustärke C zurückgreifen konnte. Dies führte dazu, dass man den Entwurf des entsprechenden B1- Bauwerkes so weit veränderte, bis er den gewünschten Anforderungen entsprach. So geschah es schließlich, dass nun Bauwerke errichtet wurden, die in Art und Ausführung völlig unterschiedlich zu ihren Grundbautypen waren, aber dennoch deren Zeichnungsnummer trugen.

Die Bauvorgaben für Bauwerke in Baustärke C des Baujahres 1936 ließen den Bauherren einen sehr großen Spielraum in ihrer Konstruktion. Beispielsweise war der Einbau einer Gasschleuse im Vergleich zu den B1- Bauten nicht zwingend vorgeschrieben. Auch auf die Gestaltung teurer und aufwendiger Eingangsverteidigungen/ flankierender Anlagen durfte verzichtet werden. Bei dieser Art von Neuentwürfen handelte es sich also weitestgehend um taktisch-strategische Anpassungen an den jeweiligen Standort und die Aufgaben der Anlage. Durch die nachträglichen Änderungen der Festungsinspektionen wissen wir aber auch, dass kleinste Einsparungen von Material und somit Kosten für die Entwicklung der Bauten entscheidend waren.

Mit der Stellung vor Aschaffenburg, die als sog. Vorpostenstellung bezeichnet wurde, sollte ein schneller gegnerischer Vormarsch in den Mainbogen verzögert werden. Dazu kamen drei Bauwerke nach obiger Verfahrensweise zur Ausführung, deren strategischer Vorteil im Überraschungsmoment gesehen wurde. Durch den niedrigen Bauwerksaufzug im Gelände, bedingt durch die geringe Deckenstärke von nur 50 cm, waren diese Bunker auf nahezu alle erdenklichen Arten zu tarnen.

Der Schartenstand mit Bereitschaftsraum A d wurde auf Grundlage der Zeichnungsnummer 106 B8 gefertigt. Er verfügte weder über eine Gasschleuse, noch über eine zweckdienliche Eingangsverteidigung und war, wie alle Bauten dieser Stellung, in Baustärke C gefertigt. Sein Bereitschaftsraum diente zur Unterbringung der fünfköpfigen MG- Bedienung und einer Einheitsgruppe für den offenen Einsatz. Das Bauwerk befand sich auf freiem Wiesengelände an der Darmstädter Strasse und wurde durch die übliche Erdanschüttung und durch Anpflanzung von Buschwerk getarnt. Der Bunker bildete die rechte Flanke der Stellung und sollte seine Feuerwirkung auf das offene Wiesengelände mit Hafenbahn sowie die Strasse nach Babenhausen entfalten, die außerdem durch eine TAK (Tankabwehrkanone) im offenen Einsatz bestrichen werden sollte. Die Einheitsgruppe sollte das Gelände vom Schönbusch bis zum Main sichern.

Der Schartenstand ohne Bereitschaftsraum A h wurde auf Grundlage der Zeichnungsnummer 105 B8 gefertigt. Auch dieser Stand verfügte weder über eine Gasschleuse, noch über eine Eingangsverteidigung und war zur Unterbringung der fünfköpfigen MG- Bedienung ausgerüstet. Hierfür standen wegen der geringen Raumhöhe von 1,9 Meter zweimal zwei Klappbetten, sowie eine Hängematte zur Verfügung. Es kann also beim MG-Schartenstand A h nicht von einem C-1 Stand mit Zeichnungsnummer 505 B01 gesprochen werden, da diese Bezeichnungen zum Zeitpunkt seines Baus noch nicht existierten. Ebenfalls gibt es keine Hinweise darauf, dass die Anlage zur Unterbringung eines Zugführers vorgesehen war.

Die Tarnung des Standes A h wurde sehr aufwendig gestaltet. Nach den von der Inspektion der Westbefestigungen am 05.09.1936 genehmigten Entwürfen sollte der Bunker wohl ursprünglich vor der Laderampe errichtet werden und mit zusätzlichen Erdanschüttungen getarnt werden. Die Einrückung in die Rampe um eine Bunkertiefe wurde wohl erst nachträglich genehmigt. Der Bunker wurde an der Schartenseite und an seiner linken Seite mit 25 cm starkem Bruchsteinmauerwerk verblendet. Die Schartenöffnung wurde hinter unvermauerten Steinen verborgen und der Eingang mit einer Holztür verblendet, wodurch der Bunker äußerlich nicht mehr als solcher zu erkennen war (Abbildung 1). Der Schartenstand sollte durch sein MG das Wiesen- und Ackerland nach Südwesten und die Chaussee nach Großostheim sichern. Flankenschutz sollten die Einheitsgruppen von A i und A g (nicht ausgeführt) gewährleisten.

Bei der Anlage A i handelte es sich 1936 um einen Gruppenunterstand, der auf Grundlage der Zeichnungsnummer 117 B8/ II gefertigt wurde. Einem Auslaufmodell, da ab 1937 prinzipiell Gruppenunterstände ohne MG-Kampfraum nicht in die neue, überarbeitete Regelbauliste übernommen wurden. Trotz der Ausführung in Baustärke C verfügte der Bunker über eine Gasschleuse und somit auch über eine, auf die Gasschleuse wirkende, innere Eingangsverteidigung. Der Bereitschaftsraum für die Einheitsgruppe war zur zusätzlichen Aufnahme eines fünfköpfigen sMG- Trupps in seiner Tiefe verlängert worden. Wegen der Lage des Bunkers, hinter dem Bahndamm der Bahnstrecke Schönbusch – Aschaffenburg wurde auf die Anlage der sonst bei diesem Typ üblichen offenen Beobachtungsnische verzichtet. Die Besatzung sollte im offenen Einsatz das unübersichtliche Gelände zwischen Main und Großostheimer Strasse sichern. Ebenfalls sollte hier eine offene Tankabwehrkanone zum Einsatz kommen.

Offenbar wurden vom Festungs-Pionierstab 14 im August 1936 in diesem Abschnitt noch drei weitere Anlagen geplant, die jedoch nicht mehr zur Ausführung kamen. Dabei handelte es sich um die Bunker A e (Unterstand für Einheitsgruppe), A f (MG-Schartenstand) und A g (Unterstand für Einheitsgruppe). Diese Anlagen sollten laut Erläuterungsbericht  im Park Schönbusch errichtet werden und mit ihren Besatzungen die Flanken der Anlagen A d bzw. A h  decken.

Ob die Anlagen A e- A g nicht mehr ausgeführt wurden, weil es sich teils um Unterstände ohne MG-Kampfraum handelte, oder sie einfach dem Ausbaustopp der Stellung zum Opfer vielen, lässt sich z. Zt. nicht mit Sicherheit feststellen. Letzteres scheint jedoch am wahrscheinlichsten.

Quellen:

BAM-RH 32/v.1806   Abgekürzter Bauentwurf A d

BAM-RH 32/v.1808   Abgekürzter Bauentwurf A h

BAM-RH 32/v.732     Abgekürzter Bauentwurf A i

BAM-RH 32/v.150     Bildband zum Tagebuch des Fest.Pi.St.14

BAM-RH 2/ v.55        u.a. Einführung der Regelbauten ab 37

Bettinger, Dieter- Büren, Martin: Der Westwall - Die Geschichte der deutschen Westbefestigungen im Dritten Reich, Band II: Der Bau des Westwalles1936-1945;

Biblio Verlag, Osnabrück 1990

Schneider, Matthias: Little Siegfried Line: Die Geschichte der Wetterau-Main-Tauber-Stellung; Roderer Verlag, Regensburg, 1997

Abb.1: Die Anlage A h (Nr.224) am Nilkheimer Bahnhof nach ihrer Fertigstellung

(aus: BArch, RH 32/v.150, S.76.)

Die Stadtseite des Weißenburger Tors

 

Gewölbe des Tores

 

Gewölbe des Tores

 

Außenseite des Tors

 

Außenseite des Tors

 

Außenseite des Tors

 

Brücke über den Graben, in ihm war 1960 noch Wasser

 

Graben und Brücke

 

Graben und Brücke

 

Graben und Brücke, Gebäude vor dem Tor

 

Gebäude vor dem Tor

 

Mauerverlauf

 

Die Fronte Lamotte

 

Spitze der Fronte Lamotte

 

Tor hinter der Fronte Lamotte

 

Zugang zur Fronte von der Stadtseite

 

 

Der Autor ist an allen Informationen zur WMTS und an Kontakten zu Zeitzeugen interessiert.

Um mit dem Autor Kontakt aufzunehmen senden Sie eine Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! .
Wir werden Ihre Anfrage weiterleiten


Zeugnisse bewegter Geschichte:

Ein erhaltener Bunker der Wetterau-Main-Tauber-Stellung in Aschaffenburg-Nilkheim

Von Gerald Oftmann

Groß war das Misstrauen der europäischen Mächte untereinander nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Daraus und aus den taktischen Erfahrungen dieses fürchterlichen Grabenkrieges entwickelte sich das Bedürfnis, den möglichen Angriff auf das eigene Territorium durch lineare Befestigungssysteme zu erschweren. Während andere Nationen wie Frankreich (Maginotlinie), die Tschechoslowakei oder die Niederlande ständige Grenzbefestigungen errichteten, wurde der Festungsbau im Reichsgebiet durch die Vorgaben des Versailler Vertrages reglementiert. Laut diesem war es Deutschland im linksrheinischen Gebiet und in einer Zone 50 km rechts des Rheins untersagt Befestigungen zu errichten und zu unterhalten. Vor diesem Hintergrund und der Angst vor einer Besetzung Deutschlands durch Frankreich begann die Reichswehr schon bald mit Planungen von Befestigungs- bzw. Abwehrstellungen jenseits dieser entmilitarisierten Zone.

Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 wurden diese Überlegungen von den Nationalsozialisten weiter aufgegriffen. Die geplante deutsche Wiederbesetzung des Rheinlandes (1936) sollte vor dem Hintergrund der reduzierten deutschen Streitkräfte durch Befestigungen im Hinterland gestützt werden.

Zwischen 1935 und 1937 wurden deshalb zwischen dem Wetterau und der Schwäbischen Alb zwei befestigte Linien geschaffen. Im Norden die Wetterau-Main-Tauber-Stellung und die südlichere Neckar-Enz-Stellung. Im Falle einer französischen Invasion sollte so der Vorstoß Richtung Thüringen bzw. Bayern und eine Spaltung Deutschlands verhindert werden. Im Gegensatz zu vielen weiteren geplanten Widerstandslinien wurden diese in weiten Teilen im Armierungsausbau errichtet, d.h. es wurden hunderte ortsfeste Betonbunker sowie Hindernisse und Sperren jeglicher Art errichtet.


Der MG-Schartenstand Nr. 224 als Laderampe mit Bruchsteinmauer am Nilheimer Bahnhof getarnt. In der linken Bildmitte ist die Aussparung für die Schartenöffnung erdbodengleich hinter Büschen zu erkennen.

Ein wichtiger Angelpunkt der Wetterau-Main-Tauber-Stellung war die Stadt Aschaffenburg. Hier verlief die HKL (Hauptkampflinie) von Mainaschaff kommend in Form von einigen MG-Schartenständen und Gruppenunterständen auf dem Ostufer des Mainbogens.

Um dem potenziellen Angreifer die Annäherung von Osten in den Mainbogen und somit an die Flussübergänge zu erschweren, wurde zwischen Leider und Nilkheim eine Sperrstellung errichtet. Diese bestand aus drei Bunkern (die Einzigen auf der linken Mainseite), die jeweils die wichtigen Verkehrswege nach Aschaffenburg abriegeln sollten. Während zwei der Anlagen an der Darmstädter Straße (MG-Schartenstand mit Einheitsgruppe Nr.223) und an der Nilkheimer Eisenbahnbrücke (Gruppenunterstand Nr.225) bereits entfernt wurden, ist der Bunker am ehem. Bahnhof Aschaffenburg-Nilkheim bis heute unversehrt erhalten. Damit ist dieser einer von wenigen, die aus der gesamten Wetterau-Main-Tauber-Stellung noch vollständig erhalten sind. Eines von wenigen Zeugnissen dieses Kapitels der deutschen Festungsgeschichte.


Gleisanschluss der „Laderampe"

Etwa 500 Meter nördlich der Staatsstraße 3115 zwischen Nilkheim und Großostheim liegt am Südostrand des Parks Schönbusch der ehem. Bahnhof Aschaffenburg-Nilkheim. Dieser liegt am Abzweig der ehem. „Odenwaldbahn“ zwischen Aschaffenburg und Höchst im Odenwald, die 1911/12 angelegt wurde (Personenverkehr bis 1974). Diese Bahnstrecke und der Abzweig zum Leiderer Hafen überqueren mit der 1909 erbauten Nilkheimer Eisenbahnbrücke den Main und finden so den Anschluss an das rechtsmainische Schienennetz und den Bahnhof Aschaffenburg.

Im Zuge des Ausbaues der Sperrstellung vor Aschaffenburg wurde der MG-Schartenstand Nr. 224 in eine Laderampe des Bahnhofs integriert.

Der Bunker sollte mit Wirkrichtung Süden über die damals noch bewuchsfreie Ebene die Straße nach Großostheim sichern.


Bau der Nilkheimer Brücke im Jahre 1909, im Hintergrund der Bischberg

Unter der Leitung des Festungspionierstabes 14 (Aschaffenburg) wurde die Anlage in der zweiten Jahreshälfte 1936 von der Firma Polensky & Zöllner (Köln) errichtet. Diese errichtete neben diesem noch 8 weitere Bunker in diesem Abschnitt. In der Wetterau-Main-Tauber-Stellung wurden die Bunker je nach Grad der Beschussgefahr und ihrer taktischen Bedeutung in den drei Ausbaustufen B1 (1m Wand- 0,8m Deckenstärke), C (0,6m Wand-/ Deckenstärke und D (0,3m Wand-/ Deckenstärke) errichtet. Aufgrund der Sperrstellung vor der eigentlichen HKL führte man zwei der Anlagen in Baustärke C aus, darunter auch den hier vorgestellten MG-Schartenstand. Diese Anlagen waren im Allgemeinen nur zum kurzzeitigen Widerstand konzipiert, da sie aufgrund der geringen Wandstärken stärkerem Artilleriefeuer nicht standhalten konnten.


Abb. 1: Grundriss des C1-Schartenstandes Nr.224 in Sonderkonstruktion für eine Belegung von 8 Mann. Die Anlage besteht lediglich aus einem Bereitschafts- und Kampfraum mit Eingang (Mitte), MG-Scharte (links) sowie Notausgang (rechts).

 

Ausführung und Zustand der Anlage

Bei der vorliegenden Ausführung handelt es sich um einen einräumigen MG-Schartenstand Regelbau 1 (ab 14.11.1936, vorher Zeichnungsnummer 505 BO1) in Baustärke C mit frontal wirkender Scharte. Als Abweichung zum Norm-C1-Stand fiel bei dieser Anlage die flankierende Eingangsverteidigung gänzlich weg. Da dieser Typ für die zusätzliche Unterbringung eines Zugführers mit seinem Stab gedacht war, wurde der Kampf- und Bereitschaftsraum auf 3,3m mal 2,95m gestreckt und bekam dadurch einen fast quadratischen Grundriss (Betonvolumen 40,5 cbm, Besatzung 8 Mann, Kosten 10800,- RM). Zur Tarnung wurde diese Anlage mit einer 0,55m starken Bruchsteinmauer verblendet, sodass lediglich der Eingang und die Schartenöffnung ausgespart wurden (Abb1).


Schartenöffnung der 10P7 Schartenplatte mit vorhandenem halb geöffnetem Schartenschieber

Die der Front zugekehrten Seite ist mit der nur 6 cm dicken Schartenplatte 10P7 (2000mm x 2800mm, Gewicht 3,0 to) verblendet. Der Schartenverschluss ist heute noch vorhanden, der Beobachtungsschlitz wurde damalig zugeschweißt.

Als Panzertüre wurde eine 14P7 Stahltüre mit Mannlochverschluss für Außentüren und eingelassener Gewehrscharte verwendet (0,8m x 1,1m, Stärke 30mm, Gewicht 0,5 to). Sollte die Türe einmal verklemmt sein, so konnte das Mannloch über einen separaten Verschluss nach innen geöffnet werden und so der Bunker verlassen werden.


Panzertür 14P7 mit Mannloch und geöffneter Gewehrscharte. Rechts das Panzerrost der Entlüftung.

Zusätzlich war bei einer Belegungsstärke von mehr als 8 Mann ein zweiter Ausgang vorgeschrieben. Dieser konnte wahlweise auch als Notausgang angelegt werden. Bei der vorliegenden Anlage liegt der Notausgang auf der Front-abgewandten Seite des Bunkers. Dieser ist nach innen mit der Panzertür 67 P9 verschlossen und nach außen mit sog. Versatzträgern NP 14 verkeilt. Der Aufgang auf der Rückseite des Bunkers wurde im Allgemeinen als Tunnel mit den Maßen 0,5m mal 0,7m mal 0,8m angelegt mit Eisenstiegen versehen und anschließend mit Sand verfüllt. Bis heute sind im Bunkerinneren die typischen Beschriftungen am Notausgang lesbar:

 

„Notausgang

  1. Träger durch Herausnehmen entfernen
  2. Mauerwerk und Verputz durchstoßen
  3. Nach oben minieren. Schachtlänge bei ursprünglicher Bedeckung 3m.“

 

Auf dem Dach des Bunkers lassen sich heute keine Spuren des Notaustieges feststellen, da die gesamte Rampe mit einer bewachsenen Sandschicht abgedeckt ist.

Direkt oberhalb des Notausganges befindet sich der Rauchabzug des Ofens. Die Inschrift „Rauchrohrschieber“ ist noch erkennbar. Ein kohlebefeuerter Ofen war planmäßig in allen Bunkern vorgesehen.

Die Gassicherheit eines solchen Bunkers wurde seit Mitte der 1930er Jahre durch Gummidichtungen an Schartenschiebern und Türen erreicht. Dies machte jedoch die Installation eines Be- und Entlüftungssystem notwendig. Mit einem handgetriebenen Lüfter konnte über das Belüftungssystem Frischluft zugeführt werden. Die verbrauchte Luft strömte dabei später wieder ins Freie. Um dabei kampfgasbelastete Luft abzufangen, war der Lüfter mit einem Gasfilter kombiniert. Konstruktionsbedingt befanden sich die Anschlüsse der Be- und Entlüftung direkt übereinander, so auch in der hier beschriebenen Anlage. Diese befinden sich direkt rechts des Notausganges und sind mit „Belüftungsschieber“ sowie „Entlüftungsschieber“ gekennzeichnet. Außen direkt rechts der Panzertür ist bis heute das Panzerrost (8mm) für die Außenstutzen des Belüftungssystems erhalten geblieben.


Blick durch die Scharte: Deutlich sind der Notausgang sowie die Anschlüsse für Rauchabzug, Be- und Entlüftung (oben und rechts) mit den dazugehörigen Beschriftungen zu erkennen. Rechts im Bild befindet sich der Bunkereingang.


Entgegen den MG-Schartenständen der Baustärke B, die mit eisernen MG-Untersetzkästen ausgerüstet wurden, waren die Anlagen der Baustärke C mit betonierten Sockeln versehen. Hier als Vergleich der MG-Sockel einer Ruine der gleichen Bauart östlich Elsenfeld.

Das Schicksal während des Krieges

Die Richtfeste für die fertiggestellten Anlagen in Aschaffenburg waren gerade erst gefeiert, als die Wetterau-Main-Tauber-Stellung nach der Besetzung des Rheinlandes ins zweite Glied hinter den Planungen für den Westwall rückte. Am 22. Dezember 1936 wurde die Stellung zur „Armierungs- und Mobilmachungsstellung“, später zur „OKH (Oberkommando des Heeres) -Stellung" erklärt, d.h., ein weiterer Ausbau der Stellung fand nur noch auf besonderen Befehl der obersten Heeresleitung statt. Praktisch gesehen war dies das Aus für den weiteren Ausbau. Stattdessen folgte bereits ab Juli/August 1939 die systematische Demontage und der Abtransport von Bunkerinneneinrichtungen, Hindernismaterial etc. in Richtung Westwall, später ab Oktober 1940 in Richtung Atlantikwall. Auch der hier vorgestellte Bunker wurde so seiner Inneneinrichtung entledigt.

Stattdessen wurde dieser Bunker sowie der Unterstand Nr.225 an der Nilkheimer Brücke während der Luftangriffe 1944 für die Zivilbevölkerung freigegeben. Diese Erlaubnis wurde erst in den letzten Tagen aufgehoben, bevor die Stellung wieder besetzt werden sollte.

Erst im November 1944 wurde in Aschaffenburg wieder eine Festungsdienststelle eingerichtet mit der Aufgabe, die vorhandenen Bauten der Stellung zu erkunden und wiederzuarmieren. Dabei sank die Bedeutung solcher Anlagen der Baustärken C und D so stark, dass sie lediglich als Schein- oder Schweigestellungen eingestuft wurden, um Munition und Gerät einzulagern. Insgesamt war die Instandsetzung der Stellung, wie auch schon die des Westwalls, durch einen permanenten Mangel an Gerät, Waffen und Personal geprägt. So standen für die Bewaffnung der Bunker nur wenige Maschinengewehre und keinerlei schwere Abwehrwaffen zur Verfügung.

Nach der Erklärung von Aschaffenburg zur Festung am 5. März 1945 wurden im Wesentlichen Verteidigungsstellungen auf dem Ostufer des Mains von Mainaschaff zum Kapellenberg, entlang des Mainufers bis südöstlich Aschaffenburgs am Erbig und am Stengert eingerichtet.

 

Besetzung der Sperrstellung:

Am 22. März erhielt das Grenadier-Ersatz- und Ausbildungsbataillon 106 den Befehl zwischen Nilkheimer Brücke und Leiderer Hafengelände, also entlang der schon einmal geplanten Sperrstellung, eine Stellung auszubauen und sie mit einzelnen Schützenlöchern, MG-Ständen und Panzerdeckungslöchern auszustatten und zu besetzen. Von den insgesamt 15 Widerstandsnestern waren die meisten anscheinend Panzervernichtungstrupps, von denen einer am Bahnhof Nilkheim postiert wurde. Ob der Bunker Nr.224 dabei besetzt wurde, ist nicht bekannt und wenn, dann sicherlich nur als Unterschlupf. Am 23. März wurde das 106. jedoch zu anderer Verwendung abgezogen und durch Pioniere mit gleicher Aufgabe ersetzt. Eine weitere vorgeschobene Sicherungslinie befand sich rund um den Schlosspark Schönbrunn, die weitgehend von ungarischen Einheiten besetzt wurde.

 

Palmsonntag, 25. März und die Karwoche 1945: die Ereignisse im Umfeld des Bunkers

Der rasche Vorstoß der 4. US-Panzerdivision aus dem Oppenheimer Brückenkopf am Rhein heraus in Richtung Frankfurt-Hanau-Darmstadt am 22./23. März 1945 überraschte die Aschaffenburger Verteidiger aufgrund der schlechten Nachrichtenlage. Die leichten Panzer der „D“ Company des 37. Panzerbataillons waren, unterstützt von Soldaten des 10. Panzerinfanteriebataillons, als Erste über Großostheim kommend an der Nilkheimer Eisenbahnbrücke eingetroffen. Trotz des Befehls zur Sprengung und der dafür vorgesehenen Maßnahmen wurde diese nicht rechtzeitig durchgeführt. Die deutschen Sicherungskräfte hatten sich bereits über die Brücke auf das östliche Mainufer zurückgezogen, als gegen 12.30 Uhr die ersten amerikanischen Panzer über die Brücke rollten und diese handstreichartig nahmen.


Weg der Amerikaner über die Brücke auf das Ostufer des Mains

Eine andere Kampfgruppe löste sich am Nilkheimer Hof von der Großostheimer Straße und fuhr mit Panzern direkt auf den Park Schönbusch zu, schoss am dortigen Bahnhof (wo sich der Bunker Nr.244 befindet) einige Strohmieten in Brand und rollte die dortigen Stellungen am Waldrand auf. Die verbliebenen Verteidiger gingen entweder in Gefangenschaft oder flüchteten in Richtung Main (Abb.2).

Der Verlust der Nilkheimer Brücke jedoch sollte das Schicksal der „Festung“ Aschaffenburg besiegeln. Nach der Bildung eines amerikanischen Brückenkopfes auf der östlichen Mainseite gab es fast täglich Versuche zu Lande, zu Wasser und aus der Luft, die Brücke doch noch zu sprengen, jedoch ohne Erfolg.

Aus dieser Position heraus wurde trotz heftigen Widerstandes die Einschließung der Stadt bzw. der Vorstoß in den Spessart bewerkstelligt.

In den detaillierten Schilderungen um diese Ereignisse gibt es keine Hinweise auf eine weitere Besetzung der drei Bunker in der Sperrstellung. Aufgrund der Einstufung als Schein- oder Wechselstellung dürften die Bunker und damit auch die Anlage Nr. 224 nur als Unterschlupf oder Lager verwendet worden sein. Auch die Tatsache, dass von hier kein nennenswerter Widerstand bei dem Angriff auf den Park Schönbusch ausging bzw. jegliche Beschussspuren fehlen, ist ein Indiz für die letztliche Bedeutungslosigkeit der Anlage.


Abb.2: Deutsche Verteidigungsstellungen um Aschaffenburg mit den drei Bunkern 223, 224 und 225 der „Sperrstellung“. (Mit freundlicher Genehmigung des Geschichts- und Kunstvereins Aschaffenburg aus: Stadtmüller, Alois: Aschaffenburg im Zweiten Weltkrieg)

 

Die Anlage nach dem Krieg

Aufgrund der Richtlinien des Koordinierungskomitees der Besatzungsmächte zur sofortigen Zerstörung militärischer Anlagen begannen noch im Dezember 1945 die Sprengarbeiten in der Wetterau-Main-Tauber-Stellung und zogen sich bis Anfang 1946 hin. Nach dem Krieg gingen die Anlagen oder deren Reste an die Bundesvermögensverwaltung Aschaffenburg über. 1987 waren aber lediglich noch vier Anlagen unter der Verwaltung des Bundes, da die entsprechenden Grundstücke inklusive der darauf befindlichen Bunkerreste an die ehem. Eigentümer zurückgegeben bzw. veräußert wurden.

Die Anlage Nr.224 am Nilkheimer Bahnhof wurde vermutlich nicht gesprengt, um eine Beschädigung der Laderampe und der nebenliegenden Gleise zu verhindern und den Güterverkehr der Nachkriegszeit nicht zu beeinträchtigen.

Die Anlage ging so in den Besitz der Deutschen Bundesbahn über (DB-Immobilien), die ihn im Jahr 2003 verkaufte.

Seitdem ist die Anlage in Privatbesitz und nicht öffentlich zugänglich!

 

Literatur

  1. Bettinger, Dieter- Büren, Martin: Der Westwall - Die Geschichte der deutschen Westbefestigungen im Dritten Reich, Band I: Der Bau des Westwalles1936-1945; Biblio Verlag, Osnabrück 1990

  2. Fuhrmeister, Jörg: Der neue Panzeratlas; aus: Fortifikation, Sonderausgabe 4, 1996; Sonderausgabe 6, 1997; Interfest Studienkreis e.V.

  3. Schneider, Matthias: Little Siegfried Line: Die Geschichte der Wetterau-Main-Tauber-Stellung; Roderer Verlag, Regensburg, 1997

  4. Schneider, Matthias: Beim Kampf vor 40 Jahren spielten auch Bunker eine Rolle,[...]; aus: Spessart Monatsschrift, April 1985

  5. Spies, Hans-Bernd (Hrsg.): Nilkheim; Stadt- und Stiftsarchiv Aschaffenburg, 1997

  6. Stadtmüller, Alois: Aschaffenburg im Zweiten Weltkrieg; Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg, 1970

  7. Stadtmüller, Alois: Maingebiet und Spessart im Zweiten Weltkrieg; Geschichts- und Kunstverein Aschaffenburg, 1982

Das Arrestgebäude.

Hier war während des 2. Weltkrieges Hans Graf von Sponeck inhaftiert. Er wurde am 23. Juli 1944 ermordet.

Das Proviantamt.

 

Die Stadtkaserne.